angebissener-pfirsich
Artikelformat

Ein unvollständiger Mensch

Hinterlasse eine Antwort

Ich bin ein unvollständiger Mensch.
Ich bin eine ungerade Zahl, ein Viertel-, Halb- oder Zweidrittelkreis.
Ich bin ein Topf ohne Deckel und ein Schlüssel ohne Schloss.
Ich bin eine unvollendete Reihe bei Tetris und ein Musikstück ohne Schluss.

…und ich will ganz sein.

Ein vollständiger Mensch sein

Ich habe ein Idealbild in meinem Kopf, wie ein vollständiger, ein ganzer, ein fertiger Mensch aussieht und beschaffen ist.
Ich weiß, dass ich dem Bild nicht entspreche, aber vielleicht wird das ja noch.

Ich glaube, dass die meisten Menschen unvollständig sind – und dass das was normales ist, dass es aber nicht notwendig ist.

Ein vollständiger Mensch ruht in sich wie eine gerade Zahl, statt immer wieder zur Seite zu kippen, wie eine ungerade.
Ein vollständiger Mensch ist sich selbst Topf und Deckel, findet überall Schlösser, in die er passt und ist ein runder, kompletter Kreis.

Ein vollständiger Mensch braucht nicht, aber er kann wollen.
Oder besser: Er weiß, was er braucht und wie er es bekommt. Einfach und ohne Anstrengung. Und er weiß, was er nicht braucht.

Ein vollständiger Mensch ist sich selbst genug – nicht zu viel oder zu wenig.

Ein vollständiger Mensch muss nicht so tun als ob – er tut.
Muss keinen Schein waren, sondern strahlt wahrhaftig.

Ein vollständiger Mensch kann reagieren – er braucht aber keine äußeren Reize und somit auch agieren.

Ein vollständiger Mensch ist stark, wenn er stark ist. Ist schwach, wenn er schwach ist. Ist betrübt, müde, launisch, aufgeregt, wütend, traurig – wenn er es eben ist.

Ein unvollständiger Mensch sein

Ich dagegen bin ein unvollständiger Mensch.

Ich brauche manchmal und will manchmal – und kann das eine nicht immer vom anderen unterscheiden.

Ich brauche jemanden, der sich um mich kümmert und jemanden, um den ich mich kümmern kann, um mich wohl zu fühlen.

Ich brauche äußere Sicherheit, um mich in meiner inneren Unsicherheit und Verwirrtheit nicht zu verlieren.

Ich habe Angst, dass jemand herausfindet, dass ich nur bluffe – und bin mir selbst oft nicht sicher, was echt ist und was nur gespielt.

Ich habe vielerlei Gefühle, bin mir ihnen oft nicht bewusst und zeige sie nur manchmal.

…und ich will ganz sein.

Anmerkung: Falls du einen treffenderen Begriff als „unvollständig“ hast, lass es mich bitte wissen.

1 Person findet den Artikel gut, du auch?

Schreibe eine Antwort

Pflichtfelder sind mit * markiert.