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Von Mangel und Fülle

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Manchmal fällt es mir schwer heraus zu finden, wieso ich etwas haben oder machen will.
Manchmal fällt es mir schwer zu bewerten ob ein Verhalten oder ein Gedanke positiv, gut, ehrbar ist.

In solchen Situationen kann es hilfreich sein mir zu überlegen, ob ich gerade im Mangel lebe, bzw. aus einem Mangel heraus agiere – oder aus einer Fülle heraus.

Mangel

Wenn ich aus Mangel heraus agiere, dann fehlt mir etwas, ich will etwas kompensieren oder muss etwas auffüllen, das leer geworden ist.

Wenn ich im Mangel lebe, dann ist es eine gute Idee, den Mangel zu beheben. Leider ist das Verhalten, dass aus Mangel heraus geschieht, nicht immer hilfreich um den Mangel zu beheben.

Wenn ich im Mangel bin, werde ich eher Ich-Bezogen handeln.

Fülle

Wenn ich aus der Fülle heraus agiere, dann habe ich genug, bin zufrieden und ausgeglichen oder sogar überschwänglich.

Wenn ich in der Fülle lebe, kann ich freimütig geben und aus dem Vollen schöpfen.

Wenn ich in der Fülle bin, werde ich eher auf andere bezogen handeln.

Ein paar Beispiele

Ich kuschle gerne. Wenn ich aus meiner Fülle heraus kuschle, dann habe ich viel zu geben und kann die andere Person verwöhnen. Wenn ich aber aus einem Mangel heraus kuscheln will, dann weil ich Zuneigung und Aufmerksamkeit brauche.

Zeit mit Freund_innen zu verbringen ist mir wichtig. Wenn ich eine Fülle an Zeit habe, dann kann ich mich nach der anderen Person richten und wie können uns ausgiebig treffen. Wenn ich im Mangel lebe, werden wir uns nur kurz treffen und gleich danach geht es weiter zu einem anderen Termin. Es geht dann eher darum die Zeit effektiv mit Sozialkontakten zu füllen.

Wenn ich finanziell in Fülle lebe, kann ich mir tolles Essen leisten, ein paar Wünsche erfüllen und freigiebig Geld verleihen oder Freund_innen „subventionieren“, also bei gemeinsamen Aktivitäten mehr als die Hälfte der Kosten übernehmen. Wenn ich im Mangel lebe, werde ich sparsam sein, kaum Trinkgeld geben, keine neuen Anschaffungen tätigen und mich auch ansonsten zurück halten.

Das Gefühl der Fülle ist subjektiv

Dabei ist das Gefühl der Fülle bzw. des Mangels nicht objektiv und konstant.
1000 Euro auf dem Konto können als große Fülle oder als großer Mangel empfunden werden.
Einerseits variiert das sicher von Person zu Person und dem, was die Person gewohnt ist. Andererseits ist es sicher auch eine Frage der Einstellung.

Falls 1000 Euro ein niedriger Kontostand für dich ist (ansonsten stell dir 100 Euro oder 10 Euro vor), kannst du dich trotzdem entscheiden es als Fülle zu verstehen und weiterhin tolle Dinge damit anfangen.
Und auch, wenn 1000 Euro viel für dich sind, kannst du damit knausrig um gehen und sie nicht antasten.

Das Gefühl der Fülle ist kulturell

Ich glaube, dass es eine kulturelle Entscheidung ist, in der Fülle oder im Mangel zu leben.

Stell dir ein Unternehmen vor, in dem immer haushaltet wird, als wäre das Geld knapp. Die Mitarbeiter_innen werden versuchen keine Kosten zu verursachen, werden sich mit geringeren Gehältern abfinden und Überstunden machen, um irgendwie damit klar zu kommen.
Die Atmosphäre wird dabei aber bedrückt sein. Kaum neue Idee werden ihren Platz finden und die Mitarbeiter_innen werden eher darauf bedacht sein ihr Geld und ihre Zeit im Blick zu behalten.

Hat das Unternehmen aber immer Geld und/oder Bereitschaft neue Ideen anzugehen, bezahlt die Mitarbeiter_innen gut und geht auf ihre Bedürfnisse ein, wird die Atmosphäre eine andere sein. Es wird nur so sprudeln.

Dabei ist aber Geld nicht das einzige, wo ein Unternehmen in Fülle leben kann.
Wie leicht kann auch mal ein Tag frei genommen werden? Wie leicht ist es neue Arbeitsmittel zu bekommen? Wie leicht ist es neue Ideen zur Zusammenarbeit aus zu probieren? Kann auch mal was umsonst hergegeben werden ohne eine Gegenleistung zu benötigen?

Auch als Einzelperson kann man sich zu Fülle oder Mangel entscheiden.
Bin ich grundsätzlich eher hilfsbereit, gebe Wissen weiter, verleihe Sachen?
Teilweise ist das sicher an die verfügbaren Ressourcen wie Zeit und Geld gebunden, teilweise ist eben aber auch eine Entscheidung, die getroffen werden kann.

Leben im Mangel

Ich habe den Eindruck, dass wir in einer Gesellschaft leben, die eigentlich große Fülle hat – teilweise sogar im Überfluss.
Trotzdem leben wir in einer Kultur des Mangels.

Arbeit, Wohnungen, Geld, Möglichkeiten, Gegenstände usw. scheinen in Deutschland bei weitem genug da zu sein. Trotzdem wird Panik auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt verbreitet. Es werden Lebensmittel weg geschmissen, nur um den Preis zu halten. Gegenstände werden so entwickelt, dass sie bald schon wieder kaputt gehen oder schnell aus der Mode kommen.
Politische Mitsprache und Rechte werden rationiert. Es wird eher nach dem Prinzip des Ausschlusses als nach dem Prinzip des Einbeziehens gearbeitet.

Die Kultur des Mangels ist auch im Beziehungsleben zu finden. Menschen, die alleine Leben, werden als unvollständig angesehen. Finden sich dann zwei Menschen zusammen, werden Liebe, Körperlichkeiten usw. auf die Zweisamkeit begrenzt und es gibt immer die Angst, dass es wieder auseinander geht.

Es herrscht das „meins“ und nicht das „unseres“.

Mit Fülle und Mangel umgehen

Es ist ein angenehmeres Leben aus der Fülle heraus. Allerdings ist es nicht immer möglich in Fülle zu leben.

Ich glaube, dass es spannend sein kann, sich immer wieder klar zu machen, wo man in Fülle und wo im Mangel lebt.

Lebensbereiche und Bedürfnisse, die in der Fülle sind, brauche wenig Aufmerksamkeit und werden sich von selbst gut entwickeln.
Diejenigen, die sich aber im Mangel befinden, sollten Aufmerksamkeit bekommen. Und dazu kann es sinnvoll sein, diesen Mangel auch zu kommunizieren. Wer weiß – vielleicht kann dir jemand mit seiner_ihrer Fülle aushelfen.

„Ich brauche gerade Zuneigung“, „Ich bin knapp bei der Kasse – kannst du mir was leihen?“, „Ich bin gerade total verwirrt und unruhig – bist du bereit mir zu zu hören?“

Wenn ich gerade etwas machen will und mir nicht sicher bin, ob ich das für mich oder für andere mache, kann es helfen mit klar zu werden, ob ich es aus einer Fülle oder aus einem Mangel heraus mache.
Kann ich geben, oder brauche ich eigentlich gerade.
Dadurch kann ich mir meiner Motive bewusst werden und Klarheit dazu gewinnen.

Wo lebst du in Fülle, wo im Mangel?

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