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Zwischenmenschliche Verträge

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Für die meisten Menschen (zumindest für mich) ist es schon schwer zu sagen, wer man selbst den so ist. Jedes Mal muss ich bei der Frage, wer ich bin, wieder neu nachdenken, wie ich mich gerade begreife und darstellen will.

Noch schwerer wird es oft, wenn beschrieben werden soll, in welchen Verhältnis man zu anderen Personen steht.

Wir haben Begriffe wie „Bekannte_r“, Freund_in“, „Kumpel_in“, „Kamerad_in“ – wenn es nah wird dann „beste_r Freund_in“, „Seelenverwandte_r“, – wenn Sex dazu kommt „Liebhaber_in“, „Geliebte_r“, „Affäre“ und evtl. „Partner_in“ und „Lebensabschnittsgefährte/in“.

Die Begriffe alleine reichen aber selten aus um klar zu machen, was zwischen zwei Menschen ist – was erlaubt, erwünscht, erwartet ist bzw. wird.

Praktischerweise gibt es in jeder bedeutsameren zwischenmenschlichen Konstellation einen Vertrag.
Unpraktischerweise gibt es den nicht schriftlich und es wird nur selten explizit darüber gesprochen.

Verträge, die keine_r kennt

Du hast mit jedem Menschen, der in deinem Leben eine Rolle spielt, einen zwischenmenschlichen Vertrag. Der Vertrag besagt, was zwischen euch ok und wünschenswert ist bzw. was nicht geht.

Der Vertrag regelt z. B. wie ihr euch begrüßt und ansprecht, welche Informationen und Geheimnisse ihr euch anvertraut und in welcher Form ihr Körperlichkeiten teilt.

Der Vertrag basiert in der Regel auf gesellschaftlichen Standardverträgen.
So ist es in Deutschland voll üblich sich mit leichtem Körperkontakt (in der Regel „Händeschütteln“) zu begrüßen und sich im privaten Kontext zu duzen. Über das körperliche Befinden wird sich oberflächlich ausgetauscht, das geistige Befinden wird aber nur minimal thematisiert.
Das sind die Regeln für „Bekannte“.

Für „Freund_innen“ gibt es erweiterte Standardverträge.
So ist es z. B. üblich mit Freund_innen mehr private Details zu besprechen, zur Begrüßung sind oft auch Umarmungen erlaubt und man kann sich auch kontaktieren, ohne einen speziellen Grund dafür zu haben.

Die meisten Menschen werden die klassischen Standardverträge problemlos anwenden und einigermaßen einschätzen können, wem sie was anvertrauen wollen und können.
Trotzdem ist jede zwischenmenschliche Beziehung einzigartig und anders.

Mit machen Freund_innen wirst du sehr selbstverständlich manches machen, dass du mit anderen nicht machst.
Ich habe z. B. Freund_innen, mit denen ich sehr selbstverständlich kuschle, ich habe ein paar Freund_innen, denen ich sehr sehr viel anvertraue, ich habe Freund_innen, die ich auch nackt kenne – und ich habe Freund_innen, bei denen das nicht so ist.

Die aufgezählten Beispiele übersteigen den (mir bekannten) Standardvertrag „Freundschaft“ und weisen klar darauf hin, dass da Vertragserweiterungen stattgefunden hat.
Normal passiert das dadurch, dass beide Menschen sich mal einige waren, dass es gut ist, das so zu machen, und seit dem ist es normal und erlaubt.

Vielleicht kennst du folgendes Szenario:
Aus einer Stimmung heraus oder weil ihr im Suff wart, habt ihr was gemacht, das zwischen euch so bisher nicht normal war – gekuschelt, geknutscht, sehr intensiv miteinander gesprochen. Vor dem nächsten Treffen ist unklar, wie ihr jetzt miteinander umgeht – alles wie bisher und es wird getan als wäre nichts gewesen oder aber ab jetzt ist das ok zwischen euch.
Das ist der Moment in dem sich entscheidet ob das, was zwischen euch passiert ist als Vertragsbruch ignoriert wird, oder ob der Vertrag um die Regelung erweitert wird.

Probleme durch ungeschriebene Verträge

In der Regel kennt ihr nicht den tatsächlichen Wortlaut des Vertrages sondern beide (bzw. alle) Beteiligten versuchen aus dem Verhalten auf den Vertrag zu schließen. Das funktioniert oft, macht aber manchmal ganz schön Probleme.

Gerade am Anfang der Vertragsverhandlungen ist es oft kompliziert.
„Was meinst du, steht er auf mich?“, „Soll ich sie anrufen, oder besser noch warten?!“, „Wenn er sich mir so gegenüber verhält, was heißt das dann?“
Solang sich zwei Menschen noch nicht gut kennen, kann es zu Missverständnissen über den Vertrag kommen.

Aber auch, wenn sich die beiden Menschen schon länger kennen, heißt das nicht, dass der Vertrag klar ist.
Ich war z. B. mal ziemlich erstaunt, als mich eine Freundin als ihren besten Freund bezeichnet hat – für mich war das nicht klar und es tat mir für sie voll Leid, dass ich so einen lausigen besten Freund abgegeben habe. Ich war der Meinung, dass wir nur gute Freund_innen für einander sind.

Mit einer anderen Freundin habe ich entdeckt, dass sie oft als dominant empfunden wird und einige ihrer Freund_innen davon ausgegangen sind, dass im Vertrag steht, dass gemacht wird, was sie sagt.
Sie selbst ist immer davon ausgegangen, dass im Vertrag steht, dass jede_r gleichberechtigt sagt, was er/sie gerne machen würde und sich dann auf etwas geeinigt wird.

Wenn Verträge platzen

„Du, wir müssen reden…“ – das ist ein klassischer Anfang wenn Vertrags-Neuverhandlungen anstehen.
So, wie es bisher zwischen zwei Menschen war, klappt das (vermutlich) nicht mehr.

Mir ist es bisher sehr schwer gefallen nachzuvollziehen, wieso Beziehungen in die Brüche gehen, weil jemand von beiden mit jemand anderem Sex hatte.
Wieso ist das brisant genug um die ganze Beziehung deshalb weg zu schmeißen?

Das Problem ist aber nicht, dass es sexuelle Handlungen außerhalb der Beziehung gab, sondern dass dadurch der Vertrag in Frage gestellt wird.

In den meisten Beziehungen/Partnerschaften wird der Standardvertrag „Partnerschaft“ als Grundlage angenommen. Dieser Vertrag besagt, dass man sich vertraut, eine gemeinsame Zukunft hat, sexuell exklusiv dem/der Partner_in gegenüber ist, sich die Wahrheit sagt und noch einige andere Sachen.

Da aus dem Verhalten Rückschlüsse auf den Vertrag gezogen werden, ist alles gut, solange keine Zweifel daran aufkommen, dass der Vertrag so lautet. Wird die sexuelle Exklusivität jedoch missachtet scheint plötzlich der ganze Vertrag gegenstandslos.
„Wenn du dich daran nicht hältst – woran hast du dich dann noch alles nicht gehalten?“ – Plant die/der Partner_in gar keine gemeinsame Zukunft mit mir zu verbringen? – Erzählt er/sie mir nicht immer die Wahrheit?

Weil nie im Detail über den Vertrag gesprochen wurde, gibt es plötzlich nichts mehr, dass als minimaler Kern der Zweisamkeit dienen kann. Die Zweisamkeit ist verloren.

Ähnlich ist das mit Freundschaften – z. B. wenn heraus kommt, dass hinter dem Rücken gelästert wurde oder ohne guten Grund Hilfe verwehrt bleibt.
Ohne das jemals explizit ausgemacht zu haben, wird angenommen, dass das gilt. Wird diese Annahme verletzt, ist die Freundschaft dahin.

Verträge explizit machen

Der einfachste (und gleichzeitig ziemlich komplizierte) Weg um zu vermeiden, dass Verträge platzen und sich zwei Menschen plötzlich nicht mehr miteinander vertragen (hust vertrag|en) ist es wohl Verträge explizit zu machen.

Nur wenn ausdrücklich darüber gesprochen wird, was erlaubt, erwünscht, erwartet ist/wird, kann vermieden werden, dass es zu bösen Missverständnissen kommt.

Das kann besonders dann nötig sein, wenn es akute Unsicherheit über den Vertrag gibt.
So habe ich mich z. B. mit einer Freundin zusammengesetzt, in die ich mich verliebt hatte, um zu besprechen, wie wir das miteinander machen. Für mich war klar, dass ich mir eine Beziehung mit ihr vorstellen könnte – aus ihrem Verhalten war nicht eindeutig zu erkennen, ob sie das genau so sieht. Also habe ich mit ihr besprochen, was ich mir vorstellen kann und sie hat mir gesagt, was sie sich vorstellen kann.
Daraus ist eine geschärfte Neufassung unseres Vertrags hervor gegangen.

Bisher habe ich noch wenig Erfahrung damit Verträge explizit zu machen, aber an sich fände ich es spannend auch in vermeintlich klaren zwischenmenschlichen Beziehungen darüber zu sprechen, wie wir uns das vorstellen. Vielleicht kann dadurch Frust vermieden und neue Potentiale entdeckt werden.
Stell dir vor, ihr erkennt, dass ihr beide gerne noch intensivere Gespräche führen, dass ihr gerne im Rahmen der Freundschaft miteinander knutschen würdet (ohne, dass es schräg wird) oder dass ihr einander viel mehr bedeutet, als bisher klar war.

Vorsicht bei Sonderverträgen

Neben den gesellschaftlichen Standardverträgen gibt es noch ein paar Alternativ-Entwürfe. Wenn du dein Leben auf solchen Entwürfen aufbaust tust du dir und den Menschen, mit denen du eine Verbindung aufbauen willst, vermutlich einen Gefallen explizit darüber zu reden.

Einfaches Beispiel:
Du willst polyamor lieben. Das heißt, dass u. a. sexuelle und emotionale Exklusivität keine Vertragsgegenstände des Standardvertrags „Partnerschaft“ sind.
Wird darüber nicht explizit gesprochen kann es zu ziemlichen Verwirrungen kommen.

Wie klar sind dir die Verträge, die du mit Menschen geschlossen hast?
Gibt es Verträge, mit denen du unzufrieden bist?

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  1. Ich finde deinen Artikel sehr gut geschrieben und es stimmt auch, dass es genau so ist.. Nur versuche ich in letzter Zeit weniger solche Verträge zu haben.. Je mehr man im Augenblick lebt, desto weniger kann man
    Verträge erfüllen, da diese immer auf Vergangenem beruhen und Verbindlichkeit fordern.. Ich möchte lieber in jedem Augenblich BEWUSST neu entscheiden wie ich mit meinem Ggenüber umgehen will und was GERADE jetzt ok ist und zwar einfach anhand daran worauf ich gerade Lust habe.. Shcließlich werden Verträge irgenwie auch eh nur verienbart um sie a) entweder zu brechen/zu erweitern oder b) sie neu zu definieren.. Ich glaube wir denken Vertäge haben zu müssen aus einem Sicherheitsbedürfnis heraus; damit wir das Gefühl haben können, unsere Situation in der wir sind oder morgen sein werden voraussehen und damit auch ein Stück weit kontrollieren zu können (sozusagen damit es keine bösen Überrauschungen gibt). Aber warum brauchen wir diese Sicherheit? Hätten wir genug von… (na was wohl..? 😉 ..trommelwribel..) Selbstliebe, dann wäre auch das Bedürfnis nach Sicherheit und Kontrolle nicht da und wir könnten uns mit jeder Begnung von unserem Gegenüber und auch von uns selbst überraschen lassen was sie uns Neues bringen würde..

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