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Veganismus adé

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Du, Veganismus – wir müssen reden.
Du bist voll lieb und toll, aber…
…weißt du, irgendwie, das mit uns, meinst du nicht auch…
…also irgendwie, das funktioniert so nicht mehr!

Du, das liegt nicht an dir. Ich brauch jetzt einfach ein bisschen Zeit für mich. Kannst du das verstehen?

Wir hatten eine tolle Zeit zusammen, aber irgendwie brauche ich jetzt etwas neues, anders. Es gibt noch so viel anders auf der Welt, was ich gerne sehen und erleben würde. Ich hab Angst das zu verpassen. Ich will was erleben, meine Erfahrungen machen.

Lass uns Freunde bleiben, ja…?

Schonmal mit ner Ideologie Schluss gemacht? Ich versuche das gerade.

Ich lebe jetzt seit fast 9 Jahren vegan (im April jährt sich das). Ich will damit aufhören. Also eigentlich nicht – aber irgendwie schon. Naja – zwischen uns ist es gerade einfach kompliziert und ich glaube, uns beiden würde es besser gehen, wenn wir mal ein bisschen Abstand voneinander haben.

Zwischen uns kristelt es, weil ich merke, dass ich in unserer Beziehung zu oft zu kurz gekommen bin. Immer hat mein Veganismus bestimmt, was Sache ist und irgendwie durfte ich nie so recht mitbestimmen. Mein Veganismus hat mir sogar vorgeschrieben, mit welchen Leuten ich was unternehmen darf – meine Anziehsachen, mein Essen und so weiter hat er eh bestimmt.
Das ist keine Beziehung auf Augenhöhe. Und Beziehungen, die einem nicht gut tun, sollte man beenden.

Ich hab auch gemerkt, dass ich es zwar richtig finde mit meinem Veganismus zusammen zu sein, es aber weniger aus Lust und Freude, sondern mehr aus nem Schuldgefühl und nem Mangel heraus bin/war. Das finde ich ungut. Ich will lieber eine tolle Liebesbeziehung führen. Früher, ja früher war das mal toll zwischen uns – seit dem ist einiges passiert.

…ich merke, dass ich schwer von ihm los komme. Ich bin so an ihn gewohnt und daran, was ich darf und was nicht. Und die meisten meiner Freund_innen finden ihn auch ganz klasse. Ich hab ein bisschen Schiss, dass sich unser gemeinsamer Freundeskreis spaltet. Und ey – nach fast neun Jahren bin ich so an unsere gemeinsamen Entscheidungen gewohnt, dass ich mich alleine vielleicht garnicht mehr richtig zurecht finde – die Welt hat sich seit dem stark verändert – oder viel mehr: Ich weiß garnicht mehr so recht, was da draußen so alles passiert ist – ich kenne nur unsere kleine Welt.
Ob ich alleine überhaupt zurecht komme?

Nur gut, dass ich ein paar Freundinnen habe, die schon ähnliche Schritte gegangen sind und die mir dabei helfen können. Die ersten Schritte – wieder alleine – werden wohl ganz schön hart werden. Die neuen Möglichkeiten überwältigend und kraftzerrend.

Er war ja nicht wirklich gemein zu mir und ich habe mich ja selbst dazu entschieden was mit ihm an zu fangen, aber ich will mal wieder auf meinen eigenen Beinen stehen und sehen, was so passiert.

Oh wow – die Vorstellung nicht mehr mit ihm zusammen zu sein macht mich ziemlich fertig. Die meisten unserer Freunde kennen uns nur als eins – wir waren uns immer so nach, so verbunden – und jetzt?
Bestimmt werden mich noch ewig alle auf ihn ansprechen und dann bin ich es, der allen erklären muss, dass das mit uns jetzt aus ist und, dass das gut so ist und wir halt jetzt jeder wieder unsere eigenen Wege geht.
Das wird noch eine Weile ganz schon anstrengend sein.

Boah – ich finde ihn ja schon weiterhin toll. Hat ja schon auch einen Grund, wieso es zwischen uns gefunkt hat. Ich bin recht sicher, dass wir weiterhin befreundet bleiben werden und wer weiß – vielleicht wird das ja auch nochmal was mit uns.
Gerade ist es aber wichtig, dass ich meinen eigenen Weg gehe und offen sein kann für andere – für das, was mein Leben so bringt.

Danke Veganismus – es war eine gute Zeit mit dir, ich hab dich lieb. Ich wünsche dir eine gute Zeit alleine…

Anmerkung: Bitte lies auch meine Kommentare hier, weiter unten auf der Seite. Für mich selbst und viele meiner Freund_innen bin ich einer der langjährigsten und striktesten Veganer_innen, den sie kennen. Um klar zu stellen, um was es mir geht, sind ein paar Erklärungen im Klartext nötig.

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  1. Ein paar weitere Worte (in leicht veränderter Form), die ich auf die Nachfrage eines Freundes geschrieben habe, wieso ich mich vom Veganismus treffen will:

    In einer Welt, in der der Veganismus „Mainstream“ ist, würde ich definitiv vegan leben.
    Die meisten Begründungen, die ich zum Veganismus bisher als stimmig und richtig empfunden habe, erkenne ich weiterhin als das an (ein paar sind aber auch einfach nur ideologischer Müll – aber das waren sie schon immer).

    Es ist keine Entscheidung gegen den Veganismus. Obwohl, doch – gegen die vegane Ideologie – nicht aber gegen die vegane Ernährungs- und Lebensweise.
    Mein Veganismus ist sehr stark negativ begründet – von Schuld und Mangel geprägt.
    Dazu auch: http://der-sebi.de/schreibt-ueber/seine-selbstmord-ideologie/
    Ich will jetzt eine Lebensweise etablieren, die zu tiefst von Selbstliebe und Fülle geprägt ist.
    Ich würde mich sehr freuen, wenn ich auf dem Weg wieder beim Veganismus ankomme und dann einen positiven, frohen, enthusiastischen Veganismus lebe/feiere/zelebriere.

    Ich lebe seit fast neun Jahren vegan – quasi mein komplettes selbstbestimmtes Leben lang. Ich war in der Zeit so oft Außenseiter, Sonderling und abseits der Gemeinschaft. Ich hab so enorm viel Energie in die Organisation meiner Ernährung investiert und so viele Stunden über Ernährung gesprochen – über all die Gründe.

    Meine Welt und der Kreis der Menschen aus dem ich „meine“ Menschen auswählen konnte ist zwischendurch so enorm klein gewesen, dass da kaum noch Platz war. Da habe ich schon vor ein paar Monaten aktiv gegen gesteuert – aber ich will bei weitem mehr Platz haben.

    Ich will in einer Welt leben, die alle die positiven Werte, die viele meiner veganen Freund_innen mit dem Veganismus verbinden, prägt: Rücksicht, Mitgefühl, Achtsamkeit, Liebe, Respekt, Hingabe…

    Ich will aber ein Leben leben, dass nicht geprägt ist von Selbstbeschneidung, Verzicht, Einschränkung und teilweise Selbstverleugnung.
    Das sind im Extremen die negativen Aspekte, die ich gerade mit dem Veganismus verbinden – das heißt nicht, dass mir nicht auch viel positives zum Veganismus einfällt. Diese negativen Aspekte sind es aber, die ich los haben will.

    Ich werde mich wohl weiterhin überwiegend vegan ernähren – alleine schon, weil ich mir über Jahre einen ausgeprägten Ekel gegen Tierprodukte aufgebaut habe (den wohl Kinder zumindest gegenüber Fleisch erst aberzogen bekommen). Ich will es aber ohne die Ideologie machen, sondern weil ich es mag.

    Ich habe in meinen fast 9 Jahren zwar ein paar Grauzonen gehabt (vgl. Saft trinken ohne zu wissen, wie er geklärt ist, hin und wieder nicht nachfragen was im Brot oder der Breze/l ist) – habe aber nie bewusst und absichtlich Ausnahmen gemacht. Das hat nicht immer meinen Bedürfnissen entsprochen, sondern war oft nur Ausdruck meines stark ausgeprägten Pflichtgefühls und dogmatisches handeln.

    Ich will die vegane Ernährungsweise zu meiner Präferenz machen, statt die vegane Lebensweise mein Dogma sein zu lassen.

    Antworten

  2. Eine weitere Antwort auf eine Nachfrage von einer Freundin:

    An dem Schritt, meinen strikten Veganismus zu brechen hängt ein riesiger Berg der Selbstbemächtigung. Und vor dem habe ich großen Respekt.

    Einfacher zu erklären an meinem Verzicht auf Alkohol (an dem nicht so viel Schuld und Leid mit dran hängt, den ich aber mit gleicher Striktheit gelebt habe):
    Wenn ich mich einmal dafür entscheide etwas zu tun oder zu lassen und mich einfach immer konsequent daran halte, dann spart mir das unglaublich viele Entscheidungen, Zweifel und Abwägungen.
    Kein Alkohol ist unglaublich einfach: einfach kein Alkohol trinken.
    Wenig Alkohol ist unverhältnismäßig schwieriger – weil es heißt Maß zu halten.

    Durch meinen strikten Veganismus war ich in ähnlicher Weise immer „fein raus“. Habe nie abwägen und mich dann mit den Konsequenzen beschäftigen müssen. Wie ein Kind, dass sich an die Weisungen der Eltern hält ohne selbst Entscheidungen und damit Erfahrungen zu machen.

    Es gebt mir so definitiv nicht darum Tierprodukte zu essen. Das finde ich weder erstrebenswert, noch toll, noch geil, noch irgendwas.

    Es geht mir um einen liebevollen Umgang mit mir selbst und um Selbstermächtigung. (Und vermutlich um ein paar weitere Dinge, die mir im Verlauf klar werden)

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  3. Hallo Sebi,
    nicht nur originell geschrieben, sondern es gefällt mir auch vom Inhalt sehr gut. In einigem finde ich mich selbst wieder, etwa dass die Konsequenz (mit klar definierten Grauzonen) mir den Alltag stark erleichtert. Ähnlich funktioniert auch ein Dogmatismus, allerdings unterdrückt dieser das Fühlen und Denken. Dann ist es vielleicht ein gutes Zeichen der Reife, sich davon zu trennen.

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  4. Hey Sebi,

    ist ja immer interessant zu lesen, warum sich Menschen nach langer Zeit vom Veganismus verabschieden, besonders wenn sie einem nicht völlig fremd sind. Ich kann deine Beweggründe zum Teil nachvollziehen (auch was du in deinem Artikel zur Selbstmord-Ideologie geschrieben hast – es gab auch schonmal Zeiten wo ich in einem normalen Supermarkt *nichts* mehr kaufen wollte, auch nicht ausnahmsweise. No way!), allerdings glaube ich, dass deine Herangehensweise die falsche ist. Um bei deiner Beziehungs-Ideologie zu bleiben: eine krieselnde Beziehung rettet man nicht, indem man mal eine Pause für einige Zeit macht, sondern indem man die Probleme klärt und miteinander redet. Pausen erzeugen einen Abstand, der die Probleme eher verstärkt (und eine entgültige Trennung vereinfacht). Analog gilt das für Alkohol, Bio, Fairtrade usw. Ich würde dir jedenfalls wünschen, dass du einen für dich machbaren Weg „in der Mitte“ findest, ohne deine Ideale aufzugeben. Denn die sind im Gegensatz zum Mainstream-Lebenswandel durchaus positiv. Negativ ist wie ich finde eher deine eigene Einstellungen zu deinen Idealen. Wenn du nein zu etwas sagst, sagst du auch ja zu etwas anderem (das zusätzlich an sich auch noch positiv sein kann, z.B. eine gewaltfreie Ernährung) . Alles eine Frage der Einstellung. „Einfach“ mal das ganze auf einer anderen Ebene angehen 😉

    Viele Grüße,
    Christian

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