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Menschen, die sich küssen

Den folgenden Beitrag habe ich ursprünglich vor einigen Wochen in sehr ähnlicher Form über meine Facebook-Timeline geteilt. Ich habe mich dazu entschlossen ihn als Blog-Beitrag davor zu bewahren im Facebook-Nirwana zu verschwinden.

Ich habe vor ein paar Tagen zum ersten Mal einen Jungen geküsst. Als ich das ein paar Leuten erzählt habe, wurde ich meistens gefragt, ob das anders war als Mädchen zu küssen.
Das ist eine interessante Frage, die mir ein paar Denkmuster bei mir und anderen aufgezeigt hat.

…ja, es war anders. Aber nicht anders als Mädchen zu küssen, sondern anders als anderen Menschen zu küssen. Bisher war es noch bei jeder Person, mit der ich geknutscht habe, eine andere Erfahrung.
Sinnliche Küsse, platte Küsse, forsche Küsse, fordernde Küsse, verspielte Küsse…

Wie soll ich beantworten, was der Unterschied daran ist, einen Jungen zu küssen, wenn ich ja doch nur einen Menschen vor mir habe und nur zwischen Menschen unterscheiden kann – nicht zwischen Geschlechtern.

Die Frage rückt damit auch das ganze Homo-, Hetero-, Bi-Gedöns* in ein albernes Licht.
Auch da sind es jeweils Menschen mit ganz unterschiedlichen Eigenschaften, Talenten, Fähigkeiten, Körpern, Weisen zu Kommunizieren usw..

Bisher habe ich mich nur in Frauen verliebt, nur mit Frauen Sex gehabt und der weibliche Anteil der Menschen, mit denen ich schnell in tiefe, wertvolle Gespräche finde, ist stark überproportional.
Trotzdem sind das immer zwischenmenschliche Kontakte – zwischen zwei Individuen.
Eine schlüssige Entscheidung mag aber sein, sich darauf fest zu legen, mit welchen Geschlechtsteilen man gerne Sex hat. Heterosexueller Sex eröffnet andere Stellungen als es schwuler bzw. lesbischer Sex. Penis trifft auf Penis; Penis trifft auf Vagina; Vagina trifft auf Vagina.

Ähnlich bestimmen die Körperausmaße der beteiligten Personen ein bisschen das Repertoire der Möglichkeiten. Dick, dünn, klein, groß, schmal, breit.

Das ist aber eine Entscheidung, die nur mit Sex zusammenhängt – nicht mit Liebe.

Trotzdem gibt es sicher Eigenschaften, die leichter bei Frauen oder bei Männern zu finden sind und wegen denen es sich vielleicht lohnt eher nach dem einen oder andern zu gucken. An wirkliche emotionale und authentisch-echte Hetero- oder Homosexualität will ich aber nicht mehr glauben.
Im Endeffekt ist Liebe etwas, dass zwischen zwei Menschen stattfindet, nicht zwischen Geschlechtsmerkmalen.

(Das kam nicht erst durch den Kuss, wird aber durch die Gedanken darüber nochmals bekräftigt.
Das war ein Aus-Spaß-an-der-Freude-Kuss und keine emotionale Botschaft und damit gut um die Frage in mein Bewusstsein zu bringen, aber nicht um meine Vorlieben in Frage zu stellen. Ich merke aber schon seit einer Weile – seit ich mir das erlaube – dass es so einige attraktive Männer um mich herum gibt und auch einige, zu denen ich einen guten Draht aufbauen kann.)

* Ich schreibe „Homo-, Hetero-, Bi-Gedöns“. Ich will damit zum Ausdruck bringen, dass es viel schöner wäre, wenn Liebe einfach für alle da sein könnte und nicht so in Schubladen gepackt werden müsste. Ich sehe, dass die Schubladen aber alleine schon deshalb nötig sind, um sich politisch gegen die Heteronormativität stellen zu können. Das ist die vorschreibende Definition, dass alle Menschen nur Menschen mit der anderen (der beiden) Geschlechtsdefinitionen begehren darf.

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